Kurzfassung der 150-jährigen Geschichte des Frauenchors Wülflingen  (Autorinnen Doris Coray/Ursula Voser)

 

Mit 150 Jahren hat der Frauenchor Wülflingen nun ein beeindruckendes und stolzes Alter erreicht.

Als am 27. Juli 1868 die Gründungsstatuten des „Töchterchors Wülflingen“ aufgestellt wur­den, hatten sich dafür 28 junge Frauen zusammengefunden. In diesen ersten Statuten ist unter ande­rem zu­ lesen: „Zweck des Vereins ist die Übung und Vervollkommnung der edlen Kunst des Gesangs“ – was wohl bis heute, in einfacheren Worten, aktuell geblieben ist. 

Auch wichtig war und ist noch immer die Pflege der Geselligkeit“.

Allerdings hat der Satz: Es werden nur ehrbare Jungfrauen in den Verein aufgenommenseine Gültigkeit verloren – die heutigen Mitglieder sind vielseitig interessierte, singfreudige Frauen.

Mit dieser Rückschau möchte wir ihnen erzählen, was sich zu diesen drei Statuteneinträgen im Verlauf der vergangenen 150 Jahre ereignet und verändert hat.

 

Vom Gesang-Repertoire im Verlauf der Jahre…

Betrachten wir als erstes das Liedgut, erfahren wir, dass der Chor in den Anfängen unter der Leitung von verschiedenen Dirigenten kirch­liche Lieder oder Volksweisen sang. Auch verein­zelte klassische Lieder wurden gelegentlich dargeboten.

Der Töchter­chor war bereits 1870 im Dorf Wülflingen kulturell gut integriert und zusam­men mit dem Musikverein und den Männerchören wurden die Silvester­feiern ge­staltet.

Auch das Singen an Konfirmations­sonntagen wurde zur beliebten Tradition, bis im Jahr 1948 der Kirchenchor diese Aufgabe übernahm. 

Zu Beginn des 1. Weltkriegs 1914 mussten die Proben eingestellt werden, und auch die Bundes­feier wurde abgesagt. Grosse Ungewissheit über die Zukunft herrschte und man bangte auch um den Zusammenhalt im Chor.  Die Freude war gross, als die Proben bald wieder aufgenommen wurden.

1915 engagierten sich die jungen Frauen bei der Sammlung für die „Nationale Frauenspende“. Dazu begaben sie sich auch in die Hintergassen Wülflingens, wo sie allerlei Kommentare entge­gen­­nehmen mussten. „doch liessen wir zuletzt wie hartge­sottene Sünder alle Aus­sprüche über uns ergehen“ – und mit Stolz konnte der Betrag von Fr. 700.- abgeliefert werden.

Für 1918 war eine Jubiläumsfeier zu 50 Jahren Töchterchor Wülflingen geplant gewesen, da aber die Spanische Grippe so stark grassierte und auch im Chor einige Todesfälle forderte, wurde davon abgesehen.

1919 übernahm Frl. Paula Ulrich als erste weibliche Dirigentin die Chorleitung. Sie sah es als ihre Aufgabe an, die Töchter musikalisch weiterzubilden. Mit an­spruchs­­vollen Liedern aus der Klassik ergänzte sie das Repertoire während zehn Jahren.

Die Bestürzung der Sängerinnen war denn auch gross, als die beliebte Dirigentin 1929 ihre Verlobung ankün­digte, denn bis zu diesem Zeitpunkt mussten verheiratete Frauen den Chor verlassen. Erst 1931 wurde diese Klausel abgeschafft und bei dieser Gelegen­heit kam es auch zur Umbenennung des Töchterchors zum Frauen-und Töchterchor Wülflingen.

Die Weiterführung des beachtlichen Liedgutes, ging nach einem kurzen Einsatz von Herrn Baumann (1930-1933) in die Hände der neuen Diri­gentin Frl. Lydia Giger (ab 1936 Frau Lydia Morf-Giger) über. Sie leitete den Chor während 46 Jahren und spornte die Frauen zu Höchstleistungen an.

Als 1939 bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs Soldaten in den Schulhäusern einquartiert waren und keine Proben stattfinden konnten, beschäftigten sich die Frauen mit Stricken von Socken und Kniewärmern und Nähen von Hemden für das Militär.

Am 1. August 1941 feierte Wülflingen mit sämtlichen Dorfvereinen das Bestehen von 650 Jahren Eidgenossenschaft. Und im November 1943 gab es zusammen mit dem Musikverein Edelweiss endlich wieder einmal eine Abendunterhaltung – die erste seit Kriegsbeginn, und wohl auch zum Anlass des 75. Jubiläums des Chors. Die Deutschen Tänze von Franz Schubert gefielen dem Publikum ganz besonders.  

Nach Ende des 2. Weltkriegs erhielt der unterdessen weitherum bekannte und beliebte Frauen-und Töchterchor viele Einladungen, unter anderem auch ins Stadthaus Winterthur, wo 1946 gemeinsam mit Jodel- und Trachtenchören ein patriotisches Programm aufgeführt wurde, wohl aus Dankbarkeit, dass man vom Krieg verschont geblieben war.

Für Unterhaltungen und Konzerte waren Lieder, passend zu einem Thema, schon früh beliebt. Einige Beispiele sind „Rebjohr im Wyland“ 1946, „Eine Fahrt durchs Schweizerland“ 1948, „Zigeunerabend“ 1956 oder „Zirkus“ 1977.

In die 50er Jahre fiel auch eine Tonbandaufnahme beim Radio Zürich, welche dem Chor und der Dirigentin Frau Morf nach ihrer Ausstrahlung am Radio viel Lob einbrachte. Eine Glanzleistung vollbrachte der Frauen- und Töch­terchor im Dezember 1962 mit der von den Sängerinnen sehnlichst erwarteten Aufführung der Leo­poldi­­messe von Michael Haydn im Kirchge­meinde­haus Wülflingen.

Nach viel fleissigem Üben war am 17. November 1968 der grosse Tag des 100-jährigen Jubiläums des Chors gekommen. Das zweiteilige Konzert mit einer anspruchsvollen Ersten und einer zweiten Hälfte, mit Tessiner Liedern und einem Kinderchor, fand grossen Anklang.

Als sich die Dirigentin Frau Morf 1971 einer Operation unterziehen musste, be­schloss der Chor, ihr im Spital ein Ständchen zu bringen. Dabei liess es sich die Patientin nicht nehmen, die Sängerinnen vom Spitalbett aus zu dirigieren.

1979 nach 46 Jahren Chorleitung, musste sich Frau Morf, dass „musikalisches Universal­genie“ wie eine Zeitung schrieb, aus gesundheitlichen Gründen vom Chor verabschieden. Nebst dem Dirigieren war sie als Klavier- und Orgelspielerin, Solistin, Kom­ponistin und Choreografin bekannt gewesen.  Als Frau Morf ein Jahr später verstarb, war die Trauer im Chor gross, hatte sie sich doch während vielen Jahren mit Leib und Seele dem Chor gewidmet.

So musste der Chor nun nach so vielen Jahren eine neue musikalische Leitung suchen.

Die Nachfolgerin im Jahr 1979 war Frau Maria Brüngger aus Kollbrunn. Auch sie verstand es, den Chor auf hohen Niveau zu fordern. Mit ihren neuen und modernen Ideen dauerte es nicht lange, bis sie bei Sängerinnen und Publikum gleichermassen beliebt war.

1985 erfolgte die Umbenennung des Frauen- und Töchterchors in Frauenchor Wülflingen.

Eine Pionier­tat war 1986 das Engagement der Jazz- und Bluesband „Downtown Stompers“ für ein gemeinsames Konzert mit Spirituals und Gospelsongs – bei voll besetzter Kirche und mit grossem Erfolg. Bei einem Konzert mit Küchenliedern, 1987, fand zur Erheiterung des Publikums auch ein „Live-Abwasch“ auf der Bühne statt.

Weitere Höhepunkte folgten 1989 mit Liedern aus Musicals, und wahre Begeisterungsstürme löste 1991 ein American Folk Song Medley aus, mit Sänge­rinnen in Cowboy Kostümen, beglei­tet von Country­­ Musik der „Downtown Stompers“.

Tosenden Applaus erntete der Frauenchor 1993 an seinem 125. Jubi­läum mit der Darbietung des Programms „Balkan­feuer“, bestehend aus slawischen Volks­weisen und gekleidet in polnische Trachten.

Zum grossen Bedauern der Sängerinnen kündigte Frau Brüngger, nach 21 Jahren, ihren Rücktritt auf das Jahr 2000 an. Mit Frau von Werra wurde eine sympathische Nachfolgerin gefunden.

Auch bei Sabine von Werra dauerte es nicht lange, bis sie sich mit dem Chor gut etabliert hatte. Als versierte Cellistin erstaunte es nicht, dass auch sie mit einer gekonnten Musik­auswahl aufwarten konnte. Ihre Serenaden mit dem Chor und jungen Musikern fanden grossen Anklang.

Das 2011 durchgeführte Konzert mit dem Männerchor Wiesendangen war ebenfalls ein grosser Erfolg. Die gemeinsam gesungenen ABBA Lieder waren für beide Chöre eine grosse Herausforderung.

2013 wählte der Frauenchor als Nach­folger von Sabine von Werra den jungen Musiklehrer Raffael Schwalt – nach 80 Jahren wieder ein männlicher Dirigent! Sofort liess sich der Chor von seinem Enthusiasmus anstecken, denn er brachte frischen Wind ins Reper­­toire mit Liedern aus Hitparaden, einem Beatles Medley und gar Sprechgesang.

 

Die Pflege der Geselligkeit

Schon früh nahmen die Töchter mit Begeisterung am geselligen Dorfleben teil, sei es an Kirchweihen, Fasnacht und Sauser Sonntag. Mit dem Männerchor, dem Turn- und dem Musikverein traf man sich an Wiesenfesten, Preisturnen und Unterhaltungen. Dazu gehörte immer begeistertes Tanzen bis in die frühen Morgenstunden. Es verwundert daher nicht, dass sich dabei auch Paare kennen­lernten. Da verheiratete Mitglieder den Chor verlassen mussten, führte dies zu einem steten Wechsel.  Wie sehr die Töchter das Tanzen liebten, zeigt sich an Bemer­kungen in den Proto­kollen, wo u.a. nachzulesen ist: „der Tanz ist die Hauptsache für die Töchter“ - „es wurde nach Kräften getanzt“ – „getanzt wurde wie de Lump am Stäcke“.  Sogar nach einem anspruchs­­vollen klassischen Konzert erholten sich die Sängerinnen mit Handorgel, Singen und dem „rührigen Tanzbein schwingen“.

Der Chor verfolgte aber auch soziale Ziele. Beispiele dafür sind das Erlassen von Jahresbei­trägen für ärmere Mitglieder und die Abkehr von Unterhaltungsabenden zu Gunsten von häufi­geren Auftritten im Pflegeheim und im Spital während der Kriegsjahre. Später oftmals zusammen mit dem Männer­chor oder der Musikgesellschaft Edelweiss. Die Mitwirkung des Frauenchors an Alters­stubeten mit Gesang und Theatern war gefragt und beliebt von den 50er bis in die 90-er Jahre.

 

Ein weiteres Steckenpferd der Sängerinnen war und sind die Vereinsreisen. Das Spektrum reicht hier von der Wanderung auf den Bachtel 1869 bis zum Flug zu einem Singfestival in Philadelphia im Jahr 1993.

Hauptsächlich aber erkundeten die Sängerinnen die Schweiz mit einer Vielzahl von Transportmitteln wie festlich bekränzten Pferdewagen, Zug, Car, Postauto, Velo, Schiff oder Bergbahnen.

In früheren Jahren suchten und fanden die jungen Sängerinnen auch auf ihren Reisen meist Gelegenheit, das Tanzbein zu schwingen.

Strö­mender Regen, Nebel, oder im Sumpf stecken gebliebene Schuhe – nichts konnte die gute Laune der Frauen trüben. Die fröhliche Schar blieb lebendig und voller Übermut bis spät in die Nacht, auch nach anstrengenden Wanderungen, und manch ein Hoteldirektor musste einschreiten wegen Nachtruhe­störung.

Auf späteren Reisen, als die Altersunterschiede der Mitglieder grösser wurden, teilte sich der Chor jeweils in zwei Gruppen auf, mit einem Alternativprogramm für weniger geübte Wan­derinnen – was übrigens bis heute gilt.                                                                                                                                         Es fanden sich stets versierte Reiseleiterinnen unter den Chormit­gliedern, die einen Blick für das Spezielle hatten. 2011 zum Bei­spiel führte eine Wanderung ins Appenzellerland. In Appenzell angekommen, wurde der Chor ins Rathaus gebeten, wo zur Überraschung und Erheiterung der Frauen ein Coaching für „Zäuerle“ und Talerschwingen begann. Der Höhepunkt sollte aber noch folgen. Der nächste Schritt war nämlich, das Gelernte nun öffentlich vor dem Rathaus vorzu­führen, bestaunt von vielen Sonntagstouristen.

Geselligkeit lebte der Chor auch an der Dorfet mit dem Grotto Ticino, das während vieler Jahre mit dem Verkauf seiner feinen Spaghetti überaus beliebt war. Es waren jeweils grosse Kochkünste gefragt – keine einfache Sache, ca. 1000 Portionen Spaghetti auf vorgewärmten Tellern zu planen, kochen und servieren. 

Aber auch der heutige Stand des Frauen­chors an der Dorfet hat seine Fans für die frittierten Champignons gefunden – mehr als 40 Kilo Pilze werden unterdessen verarbeitet und verspeist! Ein weiterer „Publikums-Hit“ sind die von den Frauen liebevoll zubereiteten Apérohäppchen, die manchmal nach einem Konzert­anlass angeboten werden.

 

Von ehrbaren Jungfrauen zu modernen Frauen

Ohne die wichtige Arbeit des Organisierens und Planens hätte der Chor wohl kaum 150 Jahre überdauert. Dies ist hauptsächlich der Verdienst von all den engagierten Präsiden­tinnen und weiteren Vor­stands­mitgliedern im Verlauf der Jahre. Der Frauenchor ist in der glücklichen Lage, auch heute noch, immer wieder einsatzfreudige Nachfolgerinnen zu finden.

Den jungen Töchtern bedeutete anfangs das Tanzen mehr als das Singen. Sie haben es sicher geschätzt, regelmässig ein Stück Freiheit zu geniessen mit dem Besuch der Sing­stunden. Oft ergab sich auch die Gelegenheit, sich bei Anlässen mit jungen Burschen zum Tanz zu treffen. Aber schon in den 1880-er Jahren beteiligten sich die jungen Frauen an Wettsingen, wohl ein Zeichen, dass ihnen das Singen immer wichtiger wurde.

Unter den Sängerinnen entdeckte man von Beginn weg immer wieder verschiedenste Talente. Etwa im künstlerischen Bereich, wo sich Schauspielerinnen, Dichterinnen, Regis­seur­innen, Tän­zerinnen und Kulissenmalerinnen fanden. Auch die kreativ gestalteten Reise­berichte, manchmal in Mund­art oder in Reimen und vereinzelt auch vorgesungen, gehö­ren dazu. Und vergessen wir nicht die Reiseorganisatorinnen, die bis heute mit bunten Über­raschungen für die Chormitglieder aufwarten.

Zu guter Letzt wollen wir die praktischen Qualitäten vieler Chormitglieder nicht verges­sen. Wie festlich und liebevoll ausgeführt waren und sind noch immer die Dekorationen bei Weih­nachts­essen und anderen Feiern!

 

Aussichten für die Zukunft

Dank so vielen engagierten Sängerinnen braucht sich der Frauenchor Wülflingen für die nähere Zukunft wohl keine allzu grossen Sorgen zum Weiterbestand zu machen. Dem Zeitgeist zu folgen, mit attraktiven Auftritten, wird unserem jungen Dirigenten Raffael Schwalt bestimmt gelingen. Singen wird weiterhin Herz und Gemüt erfreuen, sowohl für den Chor als auch für das Publikum.

Mögen unvergessliche Erlebnisse und echte Kameradschaft Jung und Alt im Chor weiterhin begleiten für die nächsten erfolgreichen Jahre.



Frauenchor-Geschichte Kurzfassung.pdf